Andacht Juni-August 2015

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Was kann ich rausholen?

„Saftpressen“ ist ein neuer Tick von mir.  Ich presse Zitronen und Orangen und mache mir und meinen Kindern so frischen Orangensaft oder Zitronenlimonade. Das ist nicht nur lecker, sondern auch gesund. Dabei will ich immer möglichst viel Saft aus der Frucht herauspressen. Ich drücke so lange in die Saftpresse bis nichts mehr geht.

Leider hat man manchmal den Eindruck, dass  Menschen wie Früchte behandelt werden: Man presst sie aus, so in Bangladesch bei der Billigproduktion von Textilien oder auf den Baustellen in Katar für die WM dort. Zu Recht werden solche Praktiken scharf kritisiert.

Aber wenn wir Menschen nicht auspressen oder ihnen etwas abpressen dürfen, dann erst recht nicht Gott, oder?

In diesem Zusammenhang gibt es in der Bibel eine  seltsame Geschichte.

Am Fluss Jabbok kommt es zu einem Ringkampf.

Der eine Kämpfer ist Jakob und sein Gegner kein geringerer als Gott selbst. Doch das weiß Jakob nicht. Der Ringkampf geht die ganze Nacht.  

Doch Jakob hört nicht auf. Er sagt seinem Gegner:

„Ich lasse dich nicht gehen, wenn Du mich nicht segnest!“ (1.Mose. 32,27)

Tatsächlich segnet Gott ihn. Hat Jakob nun Gott also etwas abgerungen, abgepresst? Nun: Jeder der an Gott glaubt, weiss auch, dass man mit ihm nicht kämpfen kann. Gegen den Allmächtigen antreten: Das wäre wohl ein aussichtsloser Kampf.

Also ist dieser Ringkampf nur eine altertümliche Geschichte, die mit unserem Gottesbild heute nichts mehr zu tun hat? Nein! Auch Jesus fordert uns auf, mit Gott zu ringen, und zwar im Gebet.

Gebet ist demnach ein Ausdauersport, wo man nicht gleich die Flinte ins Korn werfen sollte. Gott ist eben nicht der Autoschalter eines Schnellimbissrestaurants, wo man seine Bestellung aufgibt und nur drei Meter weiterfährt um sie sich abzuholen.

Aber Gott lässt sich gerne etwas abringen, ohne dabei seine Überlegenheit und Entscheidungsfreiheit zu verlieren. Nun Jesus fordert uns immer wieder auf, mit Gott im Gebet zu ringen! (vgl. LK.18,1ff). Er erzählt von einer arme Frau, die hartnäckig einen Richter nervt um ihr Recht zu bekommen. Der Richter ist bestechlich und das Recht der Frau interessiert ihn nicht. Doch weil diese Frau ihm auf den Wecker geht, gibt der Richter ihr am Ende Recht.

„Gott ist gerecht“, sagt Jesus und er hat großes Interesse an uns, deshalb dürfen wir mit Gott ringen. Wir brauchen keine Angst haben Gott auf die Nerven zu gehen. Nein, Gott hat eher ein Problem damit, dass wir von ihm nichts erwarten und ihn anschweigen. Dagegen sind unsere  Gebete für Gott keine Störung, sie sind willkommen. Auch wir dürfen sagen: Ich lass dich nicht gehen, wenn Du mich nicht segnest! Gott, ich lass nicht locker, bis du etwas in meinem Leben bewegst. D.h. nicht, dass Gott alle Wünsche erfüllt, aber mit seinem Segen, seiner positiven Kraft in unserem Leben dürfen wir hartnäckig erbitten und dann erwarten.

Ihr Pastor Hannes Koch